
Kapitel 1
Das Flüstern im Wald
Es war einer dieser Dienstage in Tannwalden, an denen die Zeit nicht nur kroch, sondern förmlich festklebte wie Kaugummi unter einer Schulbank. Die Turmuhr der kleinen Stadt schlug gerade vier Uhr nachmittags, und die Sonne hing wie eine reife Orange über den Wipfeln des Achewalds, der sich direkt hinter den letzten Gärten der Vorstadt erhob.
Elisabeth saß auf dem höchsten Ast der alten Eiche im Stadtpark, die Beine baumelnd, und ließ Krümel eines Haferkekses auf den Boden rieseln. Unten im Gras lag ihr blaues Skateboard mit dem gelben Blitz, ein Rad drehte sich noch leise.
„Du weißt schon, dass du da oben aussiehst wie ein Vogel, oder?“, rief Sarah von unten herauf. Sarah stand mit verschränkten Armen am Stamm und lehnte sich dagegen, als wollte sie den Baum allein durch ihre Willenskraft vor dem Umfallen bewahren. Sie war für ihre elf Jahre groß, ein gutes Stück größer als die anderen in ihrer Klasse, und trug ihre Lieblings-Latzhose, deren Knie schon grün von Grasflecken waren.
„Ich bin kein Vogel“, rief Elisabeth zurück und ließ sich kopfüber an den Kniekehlen vom Ast hängen. Ihre offenen dunkelblonden Haare pendelten hin und her. „Ich übe für den Zirkus. Oder für einen Einbruch. Man weiß ja nie, was man später mal braucht.“ Mit einem geschmeidigen Schwung, der für die meisten Kinder im Krankenhaus geendet hätte, landete sie federleicht im Gras.
Sophia, die Dritte im Bunde, saß im Schneidersitz auf einer karierten Decke und hatte ein Buch auf dem Schoß. Sie schob ihre Brille auf der Nase zurecht und blickte streng über den Rand der Seiten. „Wenn du dir den Hals brichst, Elli, schleppe ich dich nicht zum Arzt. Das muss dann Sarah machen.“
Elisabeth grinste. Sie mochte es, wenn ihre Freundinnen sie Elli nannten. „Elisabeth“ klang so streng und langweilig, wie eine Tante, die einem Socken zu Weihnachten schenkt. „Elli“ hingegen klang schnell und frech – genau wie sie.
„Mach ich“, brummte Sarah gelassen. „Ich klemme mir Elli einfach unter den Arm wie ein Baguette.“
Die drei Mädchen waren so unzertrennlich wie Klettverschluss, auch wenn sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Elli war der Funke, der das Feuer entfachte – immer in Bewegung, immer auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick. Sophia war das analytische Zentrum der Gruppe. Während die anderen noch staunten, berechnete sie bereits instinktiv Wahrscheinlichkeiten und suchte nach Mustern in der Umgebung. Und Sarah? Sarah war der Anker. Ruhig, stark und absolut verlässlich.
„Leute, mir ist langweilig“, stöhnte Elli und warf sich dramatisch rücklings ins Gras. „Richtig langweilig. So langweilig, dass ich fast freiwillig Hausaufgaben machen würde. Fast.“
Sophia klappte ihr Buch zu („Die Flora und Fauna der heimischen Wälder“, Band 4). „Wir könnten zum Eisladen am Marktplatz von Tannwalden gehen.“
„Waren wir gestern“, meinte Sarah.
„Wir könnten Herrn Müllers Katze suchen“, schlug Elli vor.
„Die ist nicht weg, die versteckt sich nur vor dir, weil du sie immer als Löwe verkleiden willst“, entgegnete Sophia trocken.
Ein Windstoß fuhr durch die Baumwipfel des angrenzenden Waldes. Es war kein gewöhnlicher Wind. Er roch nicht nach Autoabgasen oder den frisch gemähten Rasenflächen von Tannwalden, sondern nach feuchtem Moos, harzigem Kiefernholz und … nach etwas anderem, Geheimnisvollem. Die Blätter raschelten so laut, dass es fast klang, als würden tausend kleine Stimmen durcheinanderreden.
Elli setzte sich ruckartig auf. Ihr Blick war auf die Baumgrenze gerichtet, dort, wo der gepflegte Stadtpark endete und das Unterholz dichter und wilder wurde. Ein verrosteter Maschendrahtzaun trennte die sichere Welt von Tannwalden vom dunklen Forst, aber jeder wusste, dass es an der Stelle hinter dem Trafohäuschen ein Loch gab, das groß genug war, um durchschlüpfen zu können.
„Habt ihr das gehört?“, fragte sie leise.
„Was denn?“, fragte Sarah und schaute sich um.
„Dieses Geräusch. Wie ein … Rufen.“
Sophia runzelte die Stirn. „Das war nur der Wind, Elli. Physikalisch gesehen entsteht Geräusch, wenn Luftmassen auf Widerstand treffen und …“
„Nein“, unterbrach Elli sie und stand auf. Sie klopfte sich das Gras von der Hose. „Das klang nicht nach Physik. Das klang nach Abenteuer.“
Sie lief los, ohne sich umzusehen, direkt auf das Trafohäuschen zu. Sarah und Sophia tauschten einen Blick. Ein Blick, der ohne Worte sagte: Na toll, nicht schon wieder.
„Ich glaube, sie hat zu viel Zucker gegessen“, seufzte Sophia, packte ihr Buch in den Rucksack und stand auf.
„Komm schon“, sagte Sarah und grinste leicht. „Besser als Hausaufgaben ist es allemal.“
Elli schob ihr Skateboard unter die Brennnesseln neben dem Trafohäuschen, damit es niemand sah. Der Durchgang am Zaun war eng und roch nach alten Brennnesseln. Elli war als Erste hindurch. Sie bewegte sich durch das Gestrüpp, als wäre sie hier geboren. Sophia folgte vorsichtig und achtete penibel darauf, nicht mit ihrem neuen Rock an den Dornen hängen zu bleiben. Sarah bildete das Schlusslicht und bog einfach zwei dicke Äste zur Seite, die ihr im Weg waren, als wären sie aus Gummi.
Dahinter war der Wald anders. In Tannwalden war das Licht immer irgendwie gelblich oder grau, gefiltert durch Fensterglas und Straßenlaternen. Hier aber war es grün. Ein tiefes, sattes Smaragdgrün, das zu leuchten schien. Die Bäume waren riesig, ihre Stämme so dick wie Litfaßsäulen, und ihre Wurzeln zogen sich über den Boden wie die Adern eines schlafenden Riesen.
„Wir sollten nicht zu weit reingehen“, flüsterte Sophia. Ihre Stimme wurde vom Moos am Boden fast vollständig verschluckt. „Meine Mutter sagt, hier gibt es Wildschweine. Und Zecken. Zecken sind statistisch gesehen viel gefährlicher als Wildschweine.“
„Pscht!“, machte Elli und blieb abrupt stehen. Sie hob eine Hand. Die drei Freundinnen verharrten. Es war still. Aber nicht die Stille eines leeren Zimmers. Es war eine erwartungsvolle Stille. Als würde der ganze Wald den Atem anhalten und sie beobachten.
„Da!“, zischte Elli und zeigte auf eine dichte Hecke aus Farnen, die fast mannshoch wuchsen. „Da hat sich was bewegt. Etwas Großes.“
Sarah trat sofort einen Schritt vor Sophia und ballte ihre Hände zu Fäusten. „Bleib hinter mir“, murmelte sie.
Das Farnkraut wackelte erneut. Ein Knacken war zu hören, wie von einem trockenen Ast, auf den jemand getreten war.
„Hallo?“, rief Elli, deren Neugier mal wieder größer war als ihr Selbsterhaltungstrieb. „Ist da wer?“
Einen Moment lang passierte nichts. Dann teilten sich die Farne. Doch es war kein Wildschwein, das dort hervorlugte. Und auch kein Monster. Es war ein Fuchs. Sein Fell war so rot, dass es fast im Dämmerlicht brannte, und seine Augen – hellwach und bernsteinfarben – fixierten die Mädchen mit einer Intensität, die Sophia eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Der Fuchs blinzelte nicht. Er rannte nicht weg. Er saß einfach da, hob die rechte Vorderpfote und legte den Kopf schief.
„Ooooh“, entfuhr es Elli. „Ist der süß!“ Sie ging in die Hocke und streckte die Hand aus. „Komm her, Kleiner. Na komm.“
„Fass ihn nicht an!“, warnte Sophia schrill. „Tollwut! Flöhe! Fuchsbandwurm!“
Der Fuchs wandte den Kopf langsam zu Sophia. Sein Blick war so intelligent, so durchdringend menschlich, dass Sophia der Atem stockte. Sie stolperte einen Schritt zurück. Das Maul des Tieres öffnete sich. Zähne blitzten auf, weiß und scharf. Sarah spannte sich an, bereit, sich auf das Tier zu werfen. Doch der Fuchs knurrte nicht. Er bellte nicht.
Er sprach.
„Also, das mit den Flöhen nehme ich persönlich.“
Die Worte hingen in der Luft, klar und deutlich, gesprochen mit einer Stimme, die klang wie zwei raue Baumrinden, die aneinanderreiben. Sophias Rucksack rutschte ihr aus der Hand und landete dumpf im Moos. Sarah erstarrte mitten in der Bewegung, den Mund weit offen. Selbst Elli, die sonst nie um einen Spruch verlegen war, starrte das Tier nur an, als wäre ihr Gehirn gerade abgestürzt und müsste neu starten.
„Du …“, presste Sophia hervor, ihre Stimme dünn und brüchig. „Füchse haben keine Stimmbänder, die für die menschliche Artikulation geeignet sind. Das ist anatomisch unmöglich.“
Der Fuchs seufzte tief – ein sehr menschliches, genervtes Seufzen. „Und doch stehen wir hier und unterhalten uns. Ignorieren wir die Anatomie doch einfach für einen Moment, ja?“ Er setzte sich auf die Hinterbeine und kratzte sich mit der Hinterpfote hinter dem Ohr. „Endlich. Wir warten schon den ganzen Vormittag. Ihr seid spät dran. Der Rat der Wächter wird langsam ungeduldig, und wenn das Eichhörnchen noch nervöser wird, fällt es noch vor Aufregung vom Baum.“
Sophia rückte ihre Brille zurecht, als ob eine schärfere Sicht die Situation logischer machen würde. „Das muss eine akustische Halluzination sein“, murmelte sie.
„Du hörst nur das, was du hören willst“, erwiderte der Fuchs trocken. Er stand auf und schüttelte sich. „Ich bin übrigens Rufus. Und wir haben keine Zeit zu verlieren. Folgt mir.“
Ohne abzuwarten, ob sie ihm folgten, drehte sich Rufus um und trabte in das Dickicht davon. Sein roter Schwanz leuchtete wie eine Fackel im grünen Dämmerlicht.
Sarah stieß Elli mit dem Ellbogen an. „Hat der Fuchs gerade gesagt, wir sind spät dran?“
„Ja“, sagte Elli und sprang auf. Ihre Augen leuchteten vor Begeisterung. „Ist das nicht genial?“
„Das ist unmöglich“, flüsterte Sophia. Sie starrte auf die Stelle, wo der Fuchs verschwunden war.
„Komm schon, Sophia“, sagte Sarah und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Wenn wir jetzt zurückgehen, werden wir uns für den Rest unseres Lebens fragen, was passiert wäre.“
Sophia atmete tief durch. Sie sah zu dem Loch im Zaun zurück, durch das man noch die sicheren, vertrauten Dächer von Tannwalden sehen konnte. Dann sah sie in den dunklen, geheimnisvollen Wald. „Na gut“, sagte sie leise. „Aber wenn ich von einem sprechenden Dachs gefressen werde, schreibe ich das in mein Tagebuch.“
Sie folgten Rufus. Der Weg, den der Fuchs einschlug, war kaum als solcher zu erkennen. Er führte über moosbewachsene Steine, unter umgestürzten Baumstämmen hindurch und immer tiefer in den Wald hinein, tiefer, als sie sich je gewagt hatten. Die Bäume veränderten sich. Sie wurden nicht nur älter, sondern auch … seltsamer. Manche hatten Rinden, die aussahen wie Gesichter, die schliefen. Andere hatten Äste, die sich wie Arme ineinander verschränkten. Die Luft wurde kühler, aber es war keine unangenehme Kälte. Es war eine klare, vibrierende Frische, die nach uralter, unberührter Erde roch.
Nach etwa zwanzig Minuten Fußmarsch – bei dem Elli dreimal fast gestolpert wäre, weil sie versuchte, Vögel zu entdecken, die vielleicht Gedichte rezitierten – lichtete sich der Wald. Sie traten auf eine kreisrunde Lichtung. In der Mitte der Lichtung stand kein Baum, sondern ein riesiger Stein. Er war flach wie ein Tisch und mit moosigen Symbolen bedeckt, die schwach silbrig schimmerten. Rund um den Stein saßen Tiere. Viele Tiere.
Es war ein Anblick, der selbst in den wildesten Träumen von Elli keinen Platz gefunden hätte. Auf der Lichtung saßen nicht einfach nur ein paar Waldtiere herum. Es sah aus wie eine Vollversammlung, ein Parlament der Pfoten und Flügel.
Auf dem großen, flachen Stein in der Mitte saß ein Dachs mit einem silbrig gestreiften Rücken, der so ernst dreinblickte wie der Rektor ihrer alten Grundschule bei der Zeugnisvergabe. Neben ihm hockte eine gewaltige Eule, deren Gefieder so weiß war wie frisch gefallener Schnee. Um den Stein herum bildeten Hasen, Igel, Eichhörnchen und sogar zwei Wildschweine (bei deren Anblick Sophia leise quiekte und sich hinter Sarah schob) einen Halbkreis. Als die Mädchen die Lichtung betraten, verstummte das geschäftige Rascheln und Schnattern. Hunderte von Augenpaaren richteten sich auf sie.
„Rufus bringt Besuch“, brummte der Dachs mit einer tiefen, grollenden Bassstimme. „Menschenwelpen. Ich habe doch gesagt, das ist eine Schnapsidee.“
„Es sind keine Welpen, Krummbart“, korrigierte die weiße Eule sanft, aber bestimmt. Ihre Stimme klang wie das leise Klirren von Eiszapfen im Wind. „Es sind Kandidatinnen. Und Rufus hat ein gutes Gespür.“
